Die kältesten Winter in Mitteleuropa in den letzten 2000 Jahren

Winter-Extreme · Mitteleuropa · 2000 Jahre

Welcher war der kälteste Winter der letzten 2000 Jahre? Die ehrliche Antwort: Ich kann eine Spitzengruppe benennen, aber keine feste Rangliste. Seit 1881 wird flächendeckend gemessen, davor müssen Chroniken, Eisberichte und Rekonstruktionen einspringen. Diese Seite ordnet die Kandidaten in Stufen, stellt mehrere alternative Ranglisten nebeneinander und nennt die offenen Fragen beim Namen.

Vorläufige Fassung, Stand November 2026. Wo sich Quellen widersprechen, stehen beide Aussagen da. Eine Angabe wie „1708/09“ meint den Winter von Dezember 1708 bis Februar 1709 (und die Kälteperiode, die darüber hinausging). Alle Quellen zum Nachprüfen stehen im Abschnitt „Zum Weiterlesen und Nachprüfen“.

Die Kurzantwort

An der Spitze stehen zwei Winter: 1708/09 und 1739/40. Welcher von beiden der kältere war, hängt davon ab, was man misst.

  • Nach dem Winter-Mittel (Dezember bis Februar) über ganz Europa liegt 1708/09 vorn. Die Rekonstruktion von Luterbacher und Kollegen (Science, 2004) nennt ihn den kältesten europäischen Winter seit 1500.
  • Nach Dauer und Nachwirkung hat 1739/40 gute Argumente: Die Kälte begann im Oktober 1739 und reichte bis in den Frühsommer 1740. Das Jahr 1740 insgesamt war nach Brönnimann et al. (2024) das kälteste in Mitteleuropa seit mindestens 1421.
  • Dahinter folgt eine Gruppe von Extremwintern, deren Reihenfolge je nach Region und Kennzahl wechselt: 1829/30, 1683/84, 1607/08, 1694/95, 1572/73, 1788/89 sowie die Messwinter des 20. Jahrhunderts (1962/63, 1939/40, 1928/29, 1946/47, 1941/42).
  • Für Mittelalter und Antike gibt es Kandidaten (1363/64, 1322/23, 1076/77, 763/64 und andere), aber keine belastbare Rangfolge.

Am dichtesten belegt

1708/09: Messungen, Tagebücher, Chroniken und Rekonstruktionen zeigen dasselbe Bild.

Am längsten

1739/40: Kälte von Oktober 1739 bis in den Frühsommer 1740, Hungersnot in Irland 1740/41.

Am tiefsten gemessen (Deutschland)

1962/63 mit −5,5 °C im Dezember-bis-Februar-Mittel. Der Kälterekord von −37,8 °C stammt vom 12. Februar 1929.

Am unsichersten

Alles vor etwa 1300: einzelne Chronikmeldungen, oft übertrieben oder um ein Jahr verrutscht.

Wie weit trägt die Datenlage?

Ein Vergleich über 2000 Jahre mischt sehr verschiedene Arten von Wissen. Je weiter man zurückgeht, desto weniger Winter sind überhaupt überliefert, und desto mehr hängt von einzelnen Berichten ab.

ZeitraumGrundlageWas sich sagen lässtVerlässlichkeit
ab 1881Flächendeckendes Messnetz (Deutscher Wetterdienst)Winter-Mittel für Deutschland, Kältesummen, Rekordehoch
etwa 1659 bis 1880Einzelne Messreihen (Zentralengland ab 1659, De Bilt ab 1706, Berlin ab dem frühen 18. Jahrhundert) und WettertagebücherGute Vergleiche für Einzelorte, etwa 1740 und 1830mittel bis hoch
etwa 1500 bis 1700Rekonstruktionen aus Eisdaten, Ernte- und Weinlesedaten, Tagebüchern, frühen MessungenEuropa-Mittel (Luterbacher), Eiswinter-Index der westlichen Ostsee (Koslowski und Glaser)mittel
1300 bis 1500Chroniken, Eis auf Seen und Flüssen, Pfister-IndexGrobe Einstufung „streng“ oder „sehr streng“. Für die Ostsee im 14. Jahrhundert sind zu viele Winter unsicher für die übliche Methode.gering bis mittel
vor 1300 und AntikeEinzelne ChronikmeldungenEinzelereignisse, keine Ranglistegering

Zum Maßstab: Koslowski und Glaser (1999) schätzen, dass die Eiswinter-Strenge in der westlichen Ostsee zwischen 1501 und 1860 im Mittel um etwa 55 Prozent über dem heutigen Niveau lag. Strenge Winter waren in dieser Zeit also keine Ausnahme, sondern ein wiederkehrender Teil des Klimas.

Die Spitzengruppe im Einzelnen

1708/09: „Le Grand Hiver“

Luterbacher und Kollegen kommen in Science (2004) zu dem Ergebnis, dass der kälteste europäische Winter seit 1500 der von 1708/09 war. Im zugehörigen Datensatz liegt das Winter-Mittel (Dezember bis Februar) über die europäische Landfläche von 25° West bis 40° Ost und 35° bis 70° Nord bei −4,15 °C, dem tiefsten Wert der gesamten Reihe 1500 bis 2004. Der Frost setzte nach vergleichsweise mildem Beginn in der Nacht vom 5. auf den 6. Januar 1709 ein und hielt in mehreren Schüben bis ins Frühjahr an. Es folgten Missernten und Hunger, besonders in Frankreich, wo dieser Winter bis heute „Le Grand Hiver“ heißt. Die in der Literatur genannten Todeszahlen sind Schätzungen mit großer Spannweite. Am Bodensee verzeichnet das Verzeichnis der Seegfrörnen von Kurt Brunner auch 1709.

Mehr dazu auf einer eigenen Seite: Die Jahrtausendwinter 1708/09 und 1740.

1739/40: der lange Winter

Die Studie „The weather of 1740“ (Brönnimann, Filipiak, Chen und Pfister, Climate of the Past, 2024) beschreibt einen Winter, der im Oktober 1739 begann und bis in den Juni 1740 reichte. Die erste Januarhälfte 1740 war außergewöhnlich kalt: In Westeuropa lag die Temperatur etwa sechs Standardabweichungen unter dem Mittel. Auslöser war ein starkes skandinavisches Hochdruckgebiet („Blockierung“) Anfang Januar, danach hielt sich bis zum Sommer ein Hochdruckmuster über den Britischen Inseln, das kalte Nordluft nach Europa lenkte. Das ganze Jahr 1740 blieb bis August kühl und noch einmal im Oktober. Die Folgen waren Missernten und Teuerung, in Irland die Hungersnot 1740/41. Die Autoren halten das Jahr für das kälteste in Mitteleuropa seit mindestens 1421, dem Beginn des verwendeten Datensatzes.

Ein Detail, das verblüfft: Im Winter-Mittel des Europa-Datensatzes (Dezember bis Februar) liegt 1739/40 bei nur −2,68 °C und damit deutlich hinter 1708/09. Die Stärke von 1739/40 liegt in der Dauer, im Jahreswert und in Mittel- und Westeuropa, nicht im Dezember-bis-Februar-Mittel des ganzen Kontinents, das auch Skandinavien und Osteuropa einschließt.

1829/30: der kälteste Winter des 19. Jahrhunderts

Eine Auswertung von 67 Stationen aus 27 Ländern (EGU 2017) kommt zu dem Schluss, dass 1830 der kälteste Winter südlich der Ostsee seit Beginn instrumenteller Beobachtungen war. In der Pariser Reihe lag er mit deutlichem Abstand vor allen Wintern seit 1659; in West-, Mittel- und Südosteuropa war er der kälteste, im hohen Norden dagegen nur mäßig kalt. Regionale Berichte nennen eine zugefrorene Mosel ab Dezember 1829 und den Rhein bei Koblenz ab Ende Januar 1830. Brunners Verzeichnis führt 1830 als Seegfrörne des Bodensees. Im niederländischen Winter-Index erhält 1829/30 die höchste Klasse 9.

1683/84 und 1788/89: die unterschätzten Nachbarn

Der Winter 1683/84 gilt in der englischen Messreihe als der kälteste überhaupt (Manley 2011), und er steht auch im Europa-Datensatz mit −3,98 °C weit oben. In der Danziger Bucht gehört er zu den „extrem strengen“ Wintern. 1788/89 erreicht in der niederländischen Reihe ebenfalls Klasse 9 und im Europa-Datensatz −3,54 °C. Beide Winter fehlen in vielen Listen, die nur 1709, 1740 und 1963 nennen.

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Die Rangliste in Stufen

Eine Rangliste mit den Plätzen 1 bis 10 würde eine Genauigkeit vortäuschen, die es nicht gibt. Stattdessen sind die Winter in Stufen eingeteilt. Innerhalb einer Stufe sind sie als gleichrangig zu lesen und stehen in zeitlicher Reihenfolge. „Europa-Mittel“ meint das Dezember-bis-Februar-Mittel des Luterbacher-Datensatzes (siehe unten).

StufeWinterWichtigste BelegeAnmerkung
1 · Spitzengruppe1708/09Europa-Mittel −4,15 °C (kältester Winter seit 1500), abrupter Beginn im Januar, MisserntenReihenfolge mit 1739/40 offen
1 · Spitzengruppe1739/40Kälte von Oktober bis Juni, kältestes Jahr seit mindestens 1421, Hungersnot in IrlandWinter-Mittel Europa nur −2,68 °C
2 · Extremwinter mit mehreren Belegen1572/73Europa-Mittel −4,10 °C (3. Platz), Seegfrörne Bodensee und Zürichsee 1573In gängigen Listen kaum erwähnt
21607/08Europa-Mittel −4,14 °C (2. Platz), Danziger Bucht „extrem streng“, erster als „Frostmarkt“ verzeichneter Themse-Winter, in den Niederlanden Frost von Ende Dezember bis Ende März„Totalvereisung der Ostsee“ nicht bestätigt
21657/58Europa-Mittel −3,59 °C, Danziger Bucht „extrem streng“, bekannte Überquerung des Belts auf dem Eis durch die SchwedenDer Belt-Übergang ist historisch bekannt, hier aber nicht eigens geprüft
21683/84Europa-Mittel −3,98 °C, kältester Winter der englischen Messreihe, niederländische Klasse 9
21694/95Europa-Mittel −4,04 °C (4. Platz), Danziger Bucht „extrem streng“
21788/89Europa-Mittel −3,54 °C, niederländische Klasse 9Weniger Quellen als bei den anderen
21829/30Kältester Winter südlich der Ostsee seit Messbeginn (EGU 2017), Paris mit Abstand kältester seit 1659, Bodensee-Seegfrörne, Klasse 9Im Westen und in der Mitte Europas oft Rang 1
3 · Messwinter des 20. Jahrhunderts1928/29, 1939/40, 1941/42, 1946/47, 1962/63Deutschland-Mittel −4,8 / −5,0 / −4,0 / −4,6 / −5,5 °C; Rekord −37,8 °C am 12.2.1929; Bodensee 1963 zugefrorenZuverlässigste Zahlen, aber nicht klar kälter als Stufe 2
4 · Kandidaten aus Chroniken1363/64, die Serie 1303 bis 1328 (u. a. 1322/23), 1076/77, 763/64, 406/407Einzelne Chronikmeldungen, Seegfrörnen, indirekte BelegeNicht untereinander rangierbar

Die Prozentwerte und Punktzahlen, die in manchen Listen im Netz kursieren (etwa „100, 97, 93 Punkte“), haben wir bewusst nicht übernommen: Sie lassen sich aus den Quellen nicht ableiten.

Das 20. Jahrhundert: Messdaten, aber trotzdem Streit

Für die Zeit seit 1881 gibt es das dichteste Messnetz. Trotzdem hängt die Reihenfolge davon ab, ob man das Dezember-bis-Februar-Mittel oder die Kältesumme betrachtet, und ob für Deutschland, für ein einzelnes Messnetz oder für Europa.

WinterMittel Dezember bis Februar (Deutschland)Besonderheit
1962/63−5,5 °CKältester Winter seit Beginn der Aufzeichnungen 1881. Der Bodensee war vom 9. Februar bis 10. März 1963 ganz zugefroren, auf dem Rhein trieben Eisschollen.
1939/40−5,0 °CZweitkältester seit 1881; erster Kriegswinter.
1928/29−4,8 °CKälterekord Deutschlands: −37,8 °C am 12. Februar 1929 in Hüll bei Wolnzach. Der Rhein war bei Bingen zugefroren.
1946/47−4,6 °CStrengster Winter des 20. Jahrhunderts im Nordseeraum; Hungerwinter.
1941/42−4,0 °CIm Europa-Datensatz mit −4,03 °C sogar auf Rang 5 aller Winter seit 1500.

Die Werte für 1962/63 und 1939/40 stehen bei Statista nach DWD-Daten; die übrigen Werte stammen aus einer Sammelseite (Germanpedia) und sollten vor einer Zitierung mit den DWD-Monatsberichten abgeglichen werden.

Zwei Beispiele für den Streit: Der Meteorologe H. G. Koch verglich 1947 die Kältesummen (Summe der negativen Tagesmittel) für Jena und kam für 1939/40 auf 614, für 1946/47 auf 593 und für 1928/29 auf 556. Unter diesen drei Wintern lag also 1939/40 vorn, obwohl Koch den Winter 1946/47 insgesamt für den strengeren hielt. 1962/63 konnte er damals noch nicht einbeziehen, einen Kältesummen-Vergleich mit 1962/63 haben wir bisher nicht gefunden. Und im Europa-Mittel liegt 1962/63 mit −3,22 °C nur auf Platz 19; 1939/40 und 1928/29 (−3,15 und −3,12 °C) liegen noch dahinter. Das Europa-Mittel schließt aber auch Skandinavien und Osteuropa ein, die Rangfolge muss dort nicht dieselbe sein wie in Mitteleuropa.

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Mittelalter und Antike: Kandidaten, keine Rangliste

Je älter ein Bericht ist, desto vorsichtiger müssen wir ihn lesen: Chronisten schrieben oft Jahre später, übertrieben gern, schrieben voneinander ab und datierten nach unterschiedlichen Jahresanfängen. Die folgenden Winter sind keine bewiesenen Rekordhalter, sondern Fälle, bei denen mehrere Hinweise zusammenkommen oder bei denen eine bekannte Behauptung geprüft werden muss.

1363/64: Seegfrörne am Bodensee und Zürichsee

Kurt Brunner dokumentiert in seiner Übersicht zu den Seegfrörnen des Bodensees, dass sich im 14. Jahrhundert die berichteten Bodensee-Gefrierungen häufen, dass aber alle ohne ausreichende Belege sind. Für den Zürichsee nennt er in diesem Jahrhundert nur einen Fall, den Winter 1363. Hinzu kommt die Einordnung durch Pfister und Kollegen: Auf die kalte Serie 1303 bis 1328 folgten durchschnittliche Winter bis 1354, danach schwankten die Winter bis 1375 extrem stark. Mehr als diese zwei Hinweise konnten wir für 1363/64 nicht belegen. Er ist unser Kandidat für den strengsten Winter des Spätmittelalters, aber nicht mehr als das.

Die kalte Serie 1303 bis 1328 (u. a. 1305/06 und 1322/23)

Pfister, Schwarz-Zanetti und Wegmann (1996) werteten 2133 Chronikmeldungen aus Mitteleuropa und Norditalien aus. Ergebnis: Auf eine Serie kalter Winter von 1303 bis 1328 folgten bis 1354 „durchschnittliche“ Winter. Die Autoren vergleichen die Serie mit der Zeit des späten Maunder-Minimums (1675 bis 1715).

Die Datierung einzelner Winter schwankt: In der Literatur steht für denselben Extremwinter mal 1322/23, mal 1323/24, und mal 1305/06, mal 1306/07. Wir haben dies bisher nicht endgültig klären können.

1076/77: der Winter von Canossa

Heinrich IV. brach zum Jahreswechsel 1076/77 über die tief verschneiten Alpen nach Italien auf, um vom Papst die Lösung vom Bann zu erlangen. Die ältere Kirchengeschichtsschreibung (Philip Schaff) nennt diesen Winter einen der kältesten und längsten im Gedächtnis der Menschen und behauptet, der Rhein sei von November bis April zu einer festen Masse gefroren gewesen. Für dieses Rheineis haben wir keine zeitgenössische Quelle im Wortlaut geprüft; es bleibt ein Hinweis aus zweiter Hand.

763/64: Eis im Schwarzen Meer

Die Chronik des Theophanes Confessor berichtet aus Konstantinopel, im Winter 763/64 sei das Meer an der Nordküste des Schwarzen Meeres gefroren, Eis habe sich bis zur Donau erstreckt, und im Frühjahr hätten Eisschollen durch den Bosporus gegen die Stadtmauern gedrückt. Die Dickenangaben der Chronik (viele Meter Eis, dazu noch Schnee) sind nicht wörtlich zu nehmen. Eine interdisziplinäre Studie unter Beteiligung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften führt die Kälte auf isländische Vulkanausbrüche (Katla, 751 bis 763) zurück. Nach einer Zusammenstellung von Telelis und Chrysos beschreiben auch etwa dreißig lateinische Annalen und Chroniken diesen Winter als sehr streng. Das spricht für eine große räumliche Ausdehnung. Es liefert aber keine Temperaturzahlen und keinen belastbaren Vergleich mit 1709 oder 1740. Und es betrifft zunächst das Schwarze Meer, nicht Mitteleuropa.

406/407: ist der Rhein wirklich zugefroren?

Am 31. Dezember 406 überschritten Vandalen, Alanen und Sueben nach Prosper von Aquitanien den Rhein. Dass der Fluss dabei zugefroren war, steht aber in keiner zeitgenössischen Quelle. Es war eine Vermutung des Historikers Edward Gibbon („zu einer Jahreszeit, in der der Rhein sehr wahrscheinlich zugefroren war“), die spätere Autoren als Tatsache weitergaben. Melissa Morin hält in ihrer Studie zum Rheineis der Römerzeit (2016) fest, dass keine zeitgenössische Quelle das Zufrieren erwähnt. Der Historiker Michael Kulikowski schlägt außerdem vor, den Übergang nicht auf den 31. Dezember 406, sondern auf den 31. Dezember 405 zu datieren. Als Beleg für einen der kältesten Winter taugt dieser Fall nach heutigem Stand nicht.

Alternative Ranglisten: je nach Kennzahl ein anderes Bild

Hier stehen sechs Sichtweisen nebeneinander. Keine ist „die richtige“; sie beantworten unterschiedliche Fragen.

A · Nach dem Winter-Mittel für ganz Europa (Luterbacher und Xoplaki)

Die Daten stammen aus dem frei zugänglichen Datensatz von Luterbacher und Xoplaki (NOAA): absolute Lufttemperatur, Mittel über die europäische Landfläche (25° W bis 40° O, 35° bis 70° N), bis 1900 rekonstruiert, ab 1901 gemessen. Die zehn kältesten Winter des Datensatzes:

RangWinterMittel Dez.–Feb.Anmerkung
11708/09−4,15 °C
21607/08−4,14 °C
31572/73−4,10 °CPasst zur Seegfrörne 1573
41694/95−4,04 °C
51941/42−4,03 °CGemessener Wert (nach 1900)
61683/84−3,98 °C
71870/71−3,94 °CBezug zu Mitteleuropa nicht geprüft
81892/93−3,81 °CBezug zu Mitteleuropa nicht geprüft
91798/99−3,66 °C
101594/95−3,61 °C

Zum Vergleich: 1657/58 (−3,59 °C, Rang 11), 1829/30 (−3,58 °C, Rang 12), 1788/89 (−3,54 °C, Rang 13), 1962/63 (−3,22 °C, Rang 19), 1939/40 (−3,15 °C), 1928/29 (−3,12 °C), 1739/40 (−2,68 °C) und 1946/47 (−2,47 °C).

Wichtig beim Lesen: (1) Die Datei nennt nur das „Jahr“; wir haben es als Jahr von Januar und Februar gelesen. Das passt zur Aussage der Studie, 1708/09 sei der kälteste Winter. (2) Rekonstruktion bis 1900 und Messung ab 1901 sind nicht ohne Weiteres vergleichbar. (3) Das Europa-Mittel ist nicht Mitteleuropa: Skandinavien und Osteuropa zählen mit. (4) Die NOAA-Datei weist darauf hin, dass die Winterwerte gegenüber der Science-Veröffentlichung leicht überarbeitet wurden. (5) Die Auswahl der kältesten Werte haben wir selbst getroffen; bitte bei Verwendung mit der Datei abgleichen.

B · Nach Dauer und Beharrlichkeit der Kälte

Gewichtet man die Dauer stärker als die Spitzenkälte einzelner Wochen, rückt 1739/40 vor 1708/09. Die Kälte hielt von Oktober 1739 bis in den Frühsommer 1740 an (Brönnimann et al. 2024), und das Jahr 1740 als Ganzes ist das kälteste in Mitteleuropa seit mindestens 1421. Eine Recherche mit Grok brachte zusätzlich das Argument, 1708/09 habe anders als 1739/40 Erholungspausen gehabt. Diese Aussage konnten wir mit Tagesdaten nicht prüfen. Wir halten die Dauer-Wertung für gut vertretbar, aber nicht für bewiesen.

C · Nach der niederländischen Winter-Reihe

Ein Gutachter der Studie zu 1740 weist darauf hin, dass die niederländische Winter-Klassifikation (Skala bis 9, bestehend aus Dokumenten und ab 1706 aus Messungen von De Bilt) die Winter 1739/40 und 1708/09 jeweils nur mit 8 einstuft, dagegen 1683/84, 1788/89 und 1829/30 mit 9. Für die Niederlande und Nordwesteuropa wären das die strengsten Winter. Diese Information stammt aus einer Gutachterdiskussion, nicht aus einer Hauptpublikation; wir führen sie als Hinweis, nicht als Beleg.

D · Nach dem Eis der Ostsee (Danziger Bucht)

Der Historiker Olinski bewertet Winter an der Küste Pommerns danach, ob die Danziger Bucht so fest zufror, dass man zwischen Danzig und Hela auf dem Eis reisen konnte. Als „extrem streng“ (Stufe −3) werden für 1585 bis 1700 genannt: 1585/86, 1588/89, 1607/08, 1634/35, 1636/37, 1650/51, 1654/55, 1657/58, 1669/70, 1676/77, 1681/82, 1683/84, 1691/92 und 1694/95. Das ist die Sicht eines Küstenstreifens, nicht von Mitteleuropa insgesamt. Sie bestätigt aber, dass die 1600er-Jahre besonders viele Extremwinter hatten, was zu Koslowskis und Glasers Befund einer „starken Phase“ 1655 bis 1710 passt.

E · Die Liste der Grok-Recherche (Update) mit unserer Einschätzung

Grok nennt als „grobe Hitliste der strengsten Winter“ (nicht rein nach Temperatur) die folgende Reihenfolge. Daneben steht, was wir bei der Prüfung gefunden haben.

GrokWinterUnsere Prüfung
11708/09Deckt sich mit der Literatur.
21739/40Deckt sich; die Reihenfolge mit 1708/09 hängt von der Kennzahl ab.
3763/64Ein Extremwinter, aber Quelle aus Byzanz, keine Zahlen. Die genannten „bis ca. 14 m Eisdicke“ konnten wir so nicht bestätigen. Stufe 4.
41607/08Als Extremwinter bestätigt (Europa-Mittel Rang 2). „Totalvereisung von Ostsee, Themse und Bodensee“ und „Schlittschuhlaufen nach Pfingsten in Danzig“ konnten wir nicht belegen. Im geprüften Auszug von Brunners Verzeichnis ist 1607/08 für den Bodensee nicht erkennbar.
51829/30Eher höher: im Westen und in der Mitte Europas oft Rang 1. Die genannten „−27 °C in Berlin“ haben wir nicht geprüft.
6406/407Zu hoch: Das Rheineis ist durch keine zeitgenössische Quelle belegt.
71564/65Kalt (Europa-Mittel −3,18 °C, Rang 20), aber nicht Spitze. „Ostsee vollständig zugefroren“ nicht bestätigt.
81962/63Für Deutschland Platz 1 der Messdaten; im Europa-Mittel Rang 19. Platz 8 ist als Mitteleuropa-Einordnung vertretbar.
91783/84 oder 1788/891788/89: ja (Stufe 2). 1783/84 (Winter nach dem Laki-Ausbruch): Wir fanden keinen belastbaren Beleg; offen.
101322/23Teil der kalten Serie 1303 bis 1328; Datierung offen (1322/23 oder 1323/24).

Was in Groks Liste fehlt, aber in den Daten auffällt: 1572/73, 1683/84, 1694/95 und der Messwinter 1941/42.

F · Nach dem Messnetz in Deutschland (DWD)

Siehe die Tabelle im Abschnitt „20. Jahrhundert“: 1962/63 (−5,5 °C), 1939/40 (−5,0 °C), 1928/29 (−4,8 °C), 1946/47 (−4,6 °C), 1941/42 (−4,0 °C). Diese Liste ist die einzige mit flächendeckenden Messwerten, deckt aber nur 140 Jahre ab und kann deshalb zu 1709 oder 1740 nichts sagen. Ein direkter Vergleich der Deutschland-Werte mit den Rekonstruktionen für Europa ist nicht möglich.

Offene Fragen

Wo wir zwei Antworten für etwa gleich plausibel halten, stehen beide da.

1. Platz 1: 1708/09 oder 1739/40?

Antwort A: 1708/09. Es hat das tiefste Winter-Mittel im Europa-Datensatz (−4,15 °C) und wird von Luterbacher et al. als kältester Winter seit 1500 geführt.

Antwort B: 1739/40. Es war länger (Oktober bis Juni), das Jahr 1740 ist das kälteste seit mindestens 1421, und in Mittel- und Westeuropa war der Winter härter als im Europa-Mittel.

Beide stehen deshalb gemeinsam in Stufe 1.

2. Im Westen und in den Niederlanden: wer ist dort der Kälteste?

Antwort A: 1829/30. Kältester Winter südlich der Ostsee seit Messbeginn, in Paris mit deutlichem Abstand.

Antwort B: 1683/84. Kältester Winter der englischen Messreihe, niederländische Klasse 9.

Beide konkurrieren mit 1708/09 und 1739/40 je nach Raum.

3. 20. Jahrhundert: 1962/63 oder 1939/40?

Antwort A: 1962/63. Tiefstes Dezember-bis-Februar-Mittel in Deutschland (−5,5 °C) und der Bodensee war vollständig zugefroren.

Antwort B: 1939/40. Er liegt nur 0,5 Grad dahinter (−5,0 °C) und hat in Jena nach der Kältesumme (Koch 1947) mit 614 die Nase vor 1946/47 (593) und 1928/29 (556). Ob 1962/63 in dieser Rechnung mithält, haben wir nicht geprüft. Andere Stationen und andere Zeiträume können das Bild verschieben.

4. Welcher mittelalterliche Winter war der strengste?

Antwort A: 1363/64. Seegfrörne am Zürichsee, der einzige Beleg dieses Jahrhunderts dort, und Teil einer Phase extrem schwankender Winter.

Antwort B: ein Winter der Serie 1303 bis 1328 (etwa 1305/06 oder 1322/23), wo die Kälte über Jahre anhielt.

Mit den vorhandenen Quellen lässt sich das nicht entscheiden.

5. Wann genau? Datierungsfragen

1322/23 oder 1323/24? 1305/06 oder 1306/07? Der Rheinübergang 406 oder 405? Solche Verschiebungen um ein Jahr entstehen durch abweichende Jahresanfänge (Weihnachts-, Oster- oder Jahresanfang im Januar) und durch Abschreibfehler. Wer eine Jahreszahl zitiert, sollte die Fassung der Quelle nennen.

6. War die Ostsee jemals ganz zugefroren?

Sichere Belege gibt es für feste Eisdecken in der westlichen Ostsee und für einzelne Übergänge (etwa den Belt 1658 oder den Eisweg Danzig–Hela). Eine „vollständige“ Vereisung der gesamten Ostsee ist in keinem Fall zweifelsfrei belegt. Wo Quellen diese Formulierung benutzen, meinen sie meist den westlichen Teil oder große Küstenbereiche.

7. Was bedeutet überhaupt „Mitteleuropa“?

Unsere Zahlen stammen aus ganz unterschiedlichen Räumen: Europa-Mittel (25° W bis 40° O), Deutschland, die Niederlande, Paris, die Danziger Bucht, der Bodensee. Ein Winter kann in Paris der kälteste und in Skandinavien nur mäßig kalt gewesen sein (so 1830). Die Reihenfolge verschiebt sich mit dem Raum.

8. Fehlt uns der kälteste Winter ganz?

Möglich. Jede Rangliste enthält nur Winter, über die jemand geschrieben hat oder die ein Instrument festgehalten hat. In Zeiten, in denen Klöster und Stadtschreiber verstummten, etwa in der Spätantike, kann ein extremer Winter spurlos geblieben sein oder als halber Satz in einer Chronik stehen. Je dichter die Quellenlage, desto eher taucht ein Winter in einer Liste auf. Dass 1709 und 1740 oben stehen, hat deshalb auch mit ihrer guten Dokumentation zu tun.

9. Aussagen, die wir (noch) nicht bestätigen konnten
  • „Bis ca. 14 m Eisdicke“ im Schwarzen Meer 763/64.
  • „Berlin bis ca. −27 °C“ im Winter 1829/30.
  • „Totalvereisung von Ostsee, Themse und Bodensee“ sowie „Schlittschuhlaufen nach Pfingsten in Danzig“ 1607/08.
  • „Ostsee vollständig zugefroren“ 1564/65.
  • Die Wirkung von Laki auf den Winter 1783/84.
  • Der Zusammenhang zwischen erfrorenen Nussbäumen 1709 und dem Aufstieg des Mahagoni-Möbelholzes, eine verbreitete Anekdote, die wir nicht geprüft haben.

Hinweise auf Quellen sind willkommen.

Zum Weiterlesen und Nachprüfen

Wer tiefer einsteigen möchte, findet hier die Quellen. Frei lesbar sind die meisten; einige Fachaufsätze sind nur als Zusammenfassung zugänglich.

Rekonstruktionen und Daten
Eis, Ostsee und Seen
Mittelalter und Antike
Messdaten und Einordnung

Und der Klimawandel? Dass Winter wie 1709 oder 1963 heute seltener sind, ist ein eigenes Thema, das hier nur am Rand vorkommt. Wer sich für die langfristigen Veränderungen interessiert, findet sie auf der Seite Klima und Klimawandel.

Weiterführend auf lars-hattwig.de

Schnee und Eis

Der große Überblick: Schnee und Eis mit Schneekristallen, Arktis, Antarktis und Winterwetter.

Seen und Messwerte

Seen · Schneehöhen · Glossar

Stand: November 2026, vorläufige Fassung. Quellen u. a.: Luterbacher et al. 2004 und NOAA-Datensatz, Brönnimann et al. 2024, Koslowski und Glaser 1999, Olinski, Pfister et al. 1996, Brunner (Seegfrörnen), Koch 1947, Statista/Deutscher Wetterdienst, ÖAW, Morin 2016, Grokipedia. Alle Angaben ohne Gewähr; zu den Abweichungen zwischen Quellen siehe die Abschnitte „Alternative Ranglisten“ und „Offene Fragen“.

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